100 Jahre Universitäts-HNO-Klinik Rostock

Herausgegeben von Burkhard Kramp

Kapitel 3

Katrin Neumann und Burkhard Kramp

Die Lehre und Behandlung von Patienten mit Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen an der Universität Rostock von den Anfängen bis 1882

 

Das Fach der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde entwickelte sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts zunächst aus zwei Wurzeln: der Chirurgie entsprang die Ohrenheilkunde, genannt Otiatrie und aus der Inneren Medizin ging die Laryngologie hervor. Gemeinsam war den Teilgebieten, die im Körperinneren versteckte, dem bloßen menschlichen Auge verborgen gebliebene Lage der Organe und damit die Enge und die Dunkelheit ihrer Arbeitsgebiete. Nach Nutzbarmachung des Hilfsmittels „Licht“ begannen sich die Otologie und die Laryngologie weitestgehend parallel zu entwickeln.

 

Aber nicht nur die Fortschritte auf naturwissenschaftlichem Gebiet bedingten die Entwicklung von Spezialfächern, sondern rasch wachsende Bevölkerungszahlen in den Hauptstätten Europas machten durch große Patientenzahlen in Krankenhäusern das Sammeln spezieller Erfahrungen erst möglich. So waren Paris, London und Wien, die drei großen Hauptstädte der alten Welt, die Orte, an denen die Otologie und die Laryngologie zuerst heranwuchsen. Berlin und die anderen deutschen Universitäten kamen erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dazu (17)*.

 

Beschreibungen von Symptomen im Bereich der Nase, des Nasenrachenraumes, der Ohren und des Rachens einschließlich Kehlkopf lassen sich Jahrhunderte bis Jahrtausende zurückverfolgen. Schon aus den Zeiten des Hippokrates existieren Überlieferungen von Beobachtungen über Erkrankungen des Ohres und der Nase. Diese Krankenbeobachtungen schildern den symptomatischen Verlauf bis auf das ausführlichste, so daß die Diagnose auch heute zweifelsfrei erkannt werden kann; allein der Bezug zu physiologischen und anatomischen Grundlagen fehlte völlig. Stellvertretend für die Kenntnisse aus früheren Jahrhunderten seien die Rostocker Disser-tationen von Sigismund Stube „De angina“ aus dem Jahre 1626 (14)* und von Georg Detharding „De methodo subveniendi submersis per laryngotomiam“ aus dem Jahre 1714 erwähnt. Mit „De angina“ wurde ein Überblick über die aktuellen Kenntnisse, die Pathogenese, Prognose und Therapie von Erkrankungen gegeben, die mit einem „engen Schlund“ einhergehen. Dabei wurde die „Schlundenge“ sowohl als Symptom, als auch als Krankheit an sich aufgefaßt. Erkenntnisse jedweder Art wurden nur durch intensive Krankenbeobachtung gewonnen. Stube beschreibt in seiner Arbeit sämtliche beobachtete Krankheitsverläufe mit seinen Vorboten, Hauptsymptomen und Heilungsprognosen. Mit etwas Phantasie kann man viele heute geläufige Erkrankungen bereits in den damaligen Schriften wiederfinden. Was die Angaben zur Therapie anbelangt, wird deutlich, wie gefesselt diese Zeit in der Starrheit alter Traditionen war. Die Heilkunde sollte gelehrt und bewahrt werden, wie sie von Hippokrates, Galen und Avicenna „richtig und unantastbar überliefert sei“ (14)*. Geheilt im erweiterten Sinne wurde damals hauptsächlich mit Wasseranwendungen, Einreibungen, abführenden und diätetischen Maßnahmen, Schröpfungen und Aderlässen. Der einzige Hinweis auf eine auch heute noch als nützlich bestätigte invasive Behandlungsmethode ist der Luftröhrenschnitt nach Galen bei drohender Erstickungsgefahr und die seit der Antike bekannte und praktizierte Eröffnung einer starken Eiteransammlung (Abszeß) mittels „eines spitzen Gegenstandes ...“ (14)*. Durchgeführt wurden beide Eingriffe nur äußerst selten, aus Angst vor der Operation selbst und den existentiellen Folgen für den Arzt bei letalem Ausgang des Eingriffes und nicht der zu Grunde liegenden Krankheit (10)*.

Zur Tracheotomie ist zu bemerken, daß sie zu den ältesten Operationen überhaupt in der Geschichte der Medizin gehört. Schon in der Antike wurde eine Operationstechnik beschrieben, bei der die Trachea quer in Höhe des 3. bis 4. Trachealknorpels eröffnet werden sollte. Im Verlaufe der Zeit entwickelte und verfeinerte sich die Methode, selektierte sich das zweckmäßigste Instrumentarium und man erfand die Kanüle als unkomplizierten Platzhalter zur Sicherung der Luftwege. Im Jahre 1776 stellte man in Göttingen die Luftröhrenkanüle praktisch in ihrer heutigen Form vor. Großen Nutzen erbrachte die Tracheotomie im 18. und 19. Jahrhundert durch ihre lebensrettende Anwendung beim diph- therischen Croup. Der Franzose Armand Trousseau berichtete 1833 über seine Erfahrungen mit 200 Tracheotomien bei Diphtherie (3).

 

Eine weitere Dissertation an der Universität Rostock (1) von 1896 beschreibt einen historischen Überblick der Nasenheilkunde des Hippokrates um 400 v. Chr. Darin wird nochmals die akribische Beschreibung von Symptomen und Befunden deutlich. Die hippokratische Abhandlung der „Nasenpolypen“ überrascht durch ihre Vollständigkeit hinsichtlich der heute bekannten krankhaften Veränderungen und Neubildungen der Nase. Für die Entfernung von echten Nasenschleimhautpolypen empfiehlt Hippokrates die Entfernung derselbigen mittels eines durch die Nase gezogenen Schwammes. Man halte sich immer vor Augen, daß sämtliche Diagnosen nur mit Hilfe der fünf Sinne gestellt werden konnten und auch die Therapie ohne jede optische Hilfe durchgeführt wurde.

 

Im 18. Jahrhundert wurden von italienischen Anatomen durch Zergliederungen des Schläfenbeins Schritt für Schritt die anatomischen Grundlagen für eine weitere Entwicklung hauptsächlich auf dem Gebiet der Ohrenheilkunde geschaffen. Namen wie Morgagni (1682–1771) und Valsalva (1666–1723) stammen aus diesem Zeitalter. Nach wie vor fehlte den neu gewonnenen Erkenntnissen jedoch der klinische Bezug, und ein Einfluß auf die Behandlung von Ohrenkrankheiten war nicht zu verzeichnen (11).

 

Erst das 19. Jahrhundert brachte entscheidende Veränderungen in der naturwissenschaftlichen Medizin überhaupt und speziell auf dem Gebiet der Nasen- Ohren- und Kehlkopferkrankungen. 1841 erfand der damalige Kreisphysikus Friedrich Hofmann das Prinzip des perforierten Hohlspiegels. Ihm war es damit gelungen, Tageslicht in zu untersuchende Körperhöhlen, wie Nase und Gehörgang zu lenken und sie eingehend zu inspizieren. Die große Bedeutung dieser Entdeckung wurde viele Jahre verkannt. Erst 1855 griff Anton v. Tröltsch dieses Verfahren wieder auf und setzte sich für seine Verbreitung ein. Nachdem es nun möglich war, unter Sicht in den entsprechenden Körperhöhlen zu arbeiten, wurden die Instrumentarien nach ihrem Zweck und ihren Gebrauchseigenschaften entwickelt.

 

Für die Laryngologie bildete die Erfindung und Einführung des Kehlkopfspiegels die größte Errungenschaft und führte zu einer rasanten Entwicklung dieses Spezialgebietes. Und wieder ließ die Anerkennung einer Untersuchungsmethode auf sich warten. Der in London lebende spanische Gesangslehrer Manuel Garcia versuchte 1854 aus Interesse sich ein Bild seines eigenen Kehlkopfes zu verschaffen. Als Lichtquelle diente ihm eine Petroleumlampe und mit einem zahnärztlichen Planspiegel konnte er in einem Gegenspiegel seinen Kehlkopf einstellen und die Stimmbänder bei der Phonation beobachten. Trotz einer ausführlichen Veröffentlichung fand die Methode wenig Resonanz. Drei Jahre später veröffentlichte der Wiener Neurologe Ludwig Türck, ohne von Garcias Erfindung gewußt zu haben, dasselbe Verfahren der Kehlkopfuntersuchung und sorgte für dessen Verbreitung. Er verwendete einen eigens dafür konstruierten, an einem Stiel befestigten Spiegel und benutzte als erster das auch heute unerläßliche Vorstrecken und Festhalten der Zunge. Czermak, ein Arzt und Physiologe aus Pest, wurde auf dieses Verfahren aufmerksam und ahnte den bahnbrechenden Nutzen dieser Untersuchungsmethode. Er borgte sich von Türck die Spiegel und begann ebenfalls Patienten zu untersuchen. Sein Verdienst dabei war die Einführung der künstlichen Beleuchtung, um vom Sonnenlicht unabhängig zu sein. Ein heftiger Prioritätenstreit um die Entdeckung des Kehlkopfspiegels entbrannte zwischen den beiden Wissenschaftlern. Gerade dieser Streit zog die Aufmerksamkeit auf sich und führte zu einer raschen Verbreitung der Methode. Beide Männer werden als Väter der Laryngologie geehrt (5, 17).

 

Die Patienten mit Beschwerden im Rachen und Kehlkopf wurden zu dieser Zeit vorwiegend in den medizinischen Kliniken von Internisten behandelt. Während der Zeit der Kehlkopftuberkulose sollen sogar spezielle laryngologische Sprechstunden existiert haben (12).

 

Die Patienten mit Ohrenerkrankungen wurden hauptsächlich von Chirurgen behandelt, weil die operative Therapie damals als die einzig erfolgversprechende galt (11). Das änderte sich in dem Maße, daß Vertreter anderer Fachrichtungen sich für die Otologie interessierten, Kenntnisse erwarben und dann die Behandlung von Ohrenkranken mit übernahmen. Eine häufige Verbindung finden wir zwischen der Otologie und der Augenheilkunde. Allerdings errang die Augenheilkunde sehr schnell eine Bedeutung als eigenständiges Spezialfach und die Behandlung von Ohrkranken in Augenkliniken wurde an vielen Einrichtungen nach 1860 nur noch personengebunden durchgeführt und verlor sich bei deren Ausscheiden (6, 8, 11, 15). Auf Beispiele wird zu gegebener Zeit verwiesen.

 

Die Wurzeln der wissenschaftlichen Otologie reichen schon bis ins 16. Jahrhundert zurück. In dieser Zeit gewonnene Erkenntnisse zu verschiedenen Formen der Schwerhörigkeit gerieten allerdings in Vergessenheit, weil sie keine praktische Relevanz besaßen. Als dann Mitte des 19. Jahrhunderts die Auseinandersetzungen mit diagnostischen und therapeutischen Konsequenzen von Ohrerkrankungen begannen, wurden diese damals beobachteten Phänomene wiederentdeckt und vervollkommnet.

Die erste wissenschaftlich nützliche und notwendige Verbindung von klinischen Beobachtungen und theoretisch-anatomischen Untersuchungen vollzogen William Wilde (1815–1876) in Dublin und Joseph Toynbee (1815–1866) in London. Letzterer untersuchte seinerzeit ca. 2.000 Felsenbeinpräparate morphologisch, und die Summe seiner klinischen und pathologischen Erfahrungen wurde in seinem Werk „Diseases of the Ear, their nature, diagnosis and treatment“ 1860 publiziert. Diese Untersuchungen konnten erstmals überzeugend darstellen, daß die Mehrzahl der Funktionsstörungen des Ohres nicht „nervöser“ Natur seien, sondern häufig entzündlicher Genese, ausgehend vom Mittelohr, sind. Damit stellte er alle Annahmen und Spekulationen über Ohrkrankheiten auf wissenschaftlich fundierten Boden (8, 15). Die Mehrzahl der damals otologisch interessierten Ärzte ließ es sich nicht nehmen, einige Zeit in London zu verbringen und Toynbee’s Präparatesammlung zu studieren. Die Entwicklung der Otologie als wirkliche Wissenschaft war damit eingeleitet. Der nächste große Fortschritt lag in der Einführung operativer Heilmethoden. Begründer und Führer dieser Richtung in Deutschland wurde Hermann Schwartze in Halle. Die von den Fachchirurgen vernachlässigte Ohrchirurgie baute er Ende der 60er Jahre aus, und Halle wurde zum Zentrum der Ohrchirurgie.

 

Was nun zwangsläufig folgte, war der Beginn einer Lehrtätigkeit für Otologie an den großen Universitäten. Als die drei großen Väter der deutschen Otologie kann man Anton von Tröltsch (1829–1890), Fried- rich Bezold (1842–1908) und Hermann Schwartze (1837–1900) bezeichnen. Diese begannen um 1860 an ihren jeweiligen Universitäten mit dem studentischen Unterricht. Sie vermittelten gewissermaßen an Interessierte das, was gerade unter ihren eigenen Händen wuchs. Anton v. Tröltsch, Hermann Schwartze und Adam Politzer aus Wien begründeten 1864 die erste otologische Zeitschrift: „Archiv für Ohrenheilkunde“.

 

Rostock blieb von der Entwicklung der wissenschaftlichen Otologie weitestgehend unberührt. Im Wintersemester 1841/1842 wurde erst- und einmalig eine Vorlesung in Otiatrie von einem Dozenten Hanmann angekündigt. Es handelte sich aber um einen Einzelfall, und Hanmann kann kein Spezialist auf diesem Fachgebiet gewesen sein, er wird in keinem Zusammenhang je wieder erwähnt.

 

Vorübergehend übernahm der Ophthalmologe Zehender in seiner Augenklinik die Behandlung von Ohrkranken, weil er während seiner vorhergehenden Tätigkeit in Bern Professor für Augen- und Ohrenheilkunde gewesen war (2). Er ist ein klassisches Beispiel für die erwähnte Verbindung der Augen- und Ohrenheilkunde vor der strengen einseitigen Spezialisierung nach 1860. Berichte über Krankenakten sind aus dieser Zeit nicht überliefert. In seiner Amtszeit kündigte Zehender ebenfalls einmalig eine Vorlesung für Ohrenheilkunde im Wintersemester 1867/68 an. Nach seinem Ausscheiden wurden die Ohrenkranken dann nicht mehr in der Augenklinik, sondern wie üblich von den jüngsten Assistenten der Chirurgischen Klinik mitbehandelt. Einer dieser Assistenten war der junge Chirurg Adolf Barth, welcher in der Chirurgischen Klinik 1881 eine otologische Poliklinik einrichten durfte. Seine Neigung zur Otologie entdeckte Barth beim Militär. Er arbeitete dort mit einem Schüler Hermann Schwartzes zusammen und fand Gefallen an der Otologie. Schon 1883 verließ er Rostock und wurde Assistenzarzt der Universitäts-Ohrenklinik in Berlin. Otologische Eingriffe aus dieser Zeit sind ebenfalls nicht dokumentiert. Bis zur Zeit von Christian Lemcke 1885 gab es für die Otologie keine regelmäßige Lehrtätigkeit.

 

Während sich die Otologie mit ziemlich großer wissenschaftlicher Aufmerksamkeit entwickelte und auch zunehmend staatliche Anerkennung genoß, gewann die Laryngologie als „kleines“ Spezialfach der Inne-ren Medizin nur allmählich an Boden. Die Spiegelung des Kehlkopfes und seine Behandlung forderten viel Geschick und waren daher hauptsächlich Spezialisten anvertraut. Biopsien und Stimmbandpolypentfernungen gehörten auch ohne Lokalanästhesie schon nach 1870 zum Repertoire ausgefeilter Laryngologen. Aber gerade diese technischen Schwierigkeiten standen einer Verbreitung und Entwicklung des Faches aus der Inneren Medizin heraus im Wege. Mit der Einführung des Kokains als Lokalanästhetikum 1884 in die Laryngologie wurde zwar den exklusiven Technikern die Existenzbasis entzogen, aber das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten und operativen Eingriffe weitete sich enorm aus. Zunehmend gelangte die Gegend um und hinter dem Kehlkopf ins Interessenfeld, und die starre Endoskopie des Ösophagus und später auch der Luftröhre wurde von den Laryngologen etabliert. Da sich die Laryngologie direkt aus der Inneren Medizin entwickelte, finden wir schon relativ zeitig den Einfluß neuer Erkenntnisse in die Lehre. Der Kehlkopfspiegelkurs war an vielen Universitäten Bestand der Auskultations- und Perkussionskurse und gehörte ins Unterrichtsprogramm der Medizinischen Klinik und Poliklinik. Nachweise von Angeboten über Kehlkopfspiegelkurse gibt es ab 1860 in Leipzig, 1867 in Halle, 1862 in Heidelberg, 1868 in Jena und 1873 in Freiburg (5).

 

Fachspezifische laryngologische Einrichtungen gab es aber nur an sechs der 20 deutschen Universitäten. In Rostock wurden die Patienten mit Kehlkopferkrankungen in der Medizinischen Klinik unter Theodor Thierfelder behandelt, ohne daß es Hinweise auf spezielle Behandlungsmethoden o.ä. gibt. Unerwartet fand sich im Vorlesungsverzeichnis des Sommersemesters 1868 eine Ankündigung zur Durchführung von laryngoskopischen Übungen im Rahmen der Vorlesungen für Pathologie und pathologische Anatomie durch Prof. Ackermann. Im Sommersemester 1869 kündigte Prof. Ackermann nochmals einen Kurs für laryngoskopische Untersuchungen an. Danach gab es auf die Durchführung von Kehlkopfspiegelkursen keine Hinweise mehr (16).

 

Die Krankheiten der inneren Nase und des Nasenrachenraumes erlangten nie so große Bedeutung, daß sie zu einer Spezialisierung hätten führen können. Die Septum- und Nasennebenhöhlenchirurgie wurde aus der Chirurgie heraus entwickelt. Der Amerikaner George Caldwell (1893) und der Franzose Henri Luc (1894) haben unabhängig voneinander die Radikaloperation der Kieferhöhle nach Eröffnung von der Fossa canina aus beschrieben. Jahrzehntelang war sie Standardoperation der Kieferhöhlenchirurgie. Das wissenschaftliche Interesse an Erkrankungen der Nase war bis ins 19. Jahrhundert nicht groß.

 

Die Erkenntnis des engen Zusammenhangs von Erkrankungen des Ohres und der Nase nebst Nasenrachenraum führte dazu, daß sich die Otologen auch der Rhinologie annahmen. Die verschiedenen Bezeichnungen der neuentstandenen Fachrichtungen (Otorhinologie und Rhinolaryngo- oder Rhinopharyngologie) widerspiegeln ebenfalls die Rhinologie als Bindeglied zwischen Hals- und Ohrenerkrankungen. Für fortschrittliche und vorausschauende Denker der damaligen Zeit zeichnete sich bald ab, daß die drei Gebiete Otologie, Laryngologie und Rhinologie durch die alles verbindende Schleimhaut in engem Zusammenhang stehen und eine wissenschaftliche Verbindung im Sinne einer gemeinsamen Lehre nützlich wäre. So empfahl der in Frankfurt/M. praktizierende Max Bresgen 1883: „Ich glaube, daß es an der Zeit wäre, dass diese beiden Specialfächer sich dauernd miteinander zu einem einzigen vereinigen, nicht sowohl auf Congressen und Naturforscherversammlungen, sondern auch in der Praxis und auf den Universitäten. ... Denn immer mehr bricht sich die Ueberzeugung Bahn, dass die Rhino-Pharyngologie für die Otologie und Laryngologie nahezu von gleicher Bedeutung ist und diese beiden ohne Rhinologie keine wirklichen und dauernden Erfolge zu erringen vermögen ...“ (6).

 

Obwohl diese Forderungen aus heutiger Sicht völlig einleuchtend und notwendig sind, formierten sich damals gerade im wissenschaftlichen Bereich enorme Widerstände. Die Otologen sahen ihr Fach als so umfangreich und selbständig, wie die Ophthalmologie und fürchteten Hindernisse in der wissenschaftlichen Entwicklung. Sie waren vielerorts auch nicht bereit, die hart erkämpften Professuren und Lehrstühle zu teilen. Die Laryngologen dagegen fürchteten, von den Otologen vereinnahmt zu werden und als Spezialisten an Bedeutung zu verlieren. Die innere Notwendigkeit und äußere Zweckmäßigkeit aber bewirkten eine Verschmelzung der Fachgebiete gegen Ende des 19. Jahrhunderts ohne äußere Zwänge. Eine ministerielle Verfügung über die Zusammenlegung der drei Fächer gab es für Deutschland erst 1920 (6, 12).

 

Die Lehre an sich bewirkte aber noch keine vollständige Ausbildung aller Studenten im entsprechenden Fachgebiet. Ohne Berücksichtigung als Prüfungsfach im ärztlichen Staatsexamen wurde die Bedeutung von Kenntnissen auf dem Gebiet der Ohren-, Nasen- und Kehlkopfkrankheiten von den Studenten nicht voll erkannt und der Einfluß der Wissenschaft auf die Praxis ging verloren.

 

Bereits 1878 beantragte der Otologe Anton v. Tröltsch eine Berücksichtigung der Ohrenheilkunde bei der Festsetzung der neuen Vorschriften für die ärztliche Abschlußprüfung. Er versuchte, den Gremien die Bedeutung der Fähigkeit eines praktischen Arztes zu erläutern, einfache Ohrenkrankheiten zu untersuchen und zu behandeln (15). Obwohl die Untersuchungen von v. Tröltsch über die pathologische Anatomie des Ohres bereits ahnen ließen, wie häufig eine sachgemäße und rechtzeitige Behandlung von Ohrenkrankheiten eine Ertaubung oder sogar den Tod hätte verhindern können, überzeugten sie nicht die staatlichen Kommissionen. Die Zeit war dafür noch nicht reif. Die Argumente für die Dringlichkeit der Vermittlung von Kenntnissen der Ohrenheilkunde an den allgemeinpraktizierenden Arzt wuchsen erst mit der steigenden Zahl der behandelten Patienten und den Erfahrungen mit nicht fachgerechten Vorbehandlungen der Patienten durch Nichtohrenärzte. Nicht nur unterlassene Hilfe bei gefährlichen Ohreiterungen schädigte damals die Patienten, sondern unsachgemäße und unberechtigte Eingriffe führten nicht selten zum Tod des Patienten. Zum Beispiel führten damals die Chirurgen Fremdkörperentfernungen aus dem Gehörgang durch. Ungeeignete Instrumente, rohe Gewalt und das Arbeiten ohne Ohrenspiegel führten sehr häufig zu schwersten Zerstörungen der Mittelohrstrukturen bis zu tödlichen Verletzungen des Gehirns und seiner anliegenden Strukturen. Otto Körner erlebte 1883: „dass ein sehr erfahrener und geschickter Chirurg bei einem Kinde einen gar nicht vorhandenen Fremdkörper aus dem Ohre ziehen wollte, zu diesem Zwecke, ohne vorher in das Ohr zu sehen, mit Instrumenten einging und statt des angeblich vorhandenen Fremdkörpers nach Zerreissung des Trommelfells den Hammer, ein wichtiges Gehörknöchelchen, herauszog ...“ (7). Erst im Mai 1901 trat eine neue medizinische Prüfungsordnung in Kraft, bei der erstmalig die Otologie im Rahmen des chirurgischen und die Laryngologie im Rahmen des medizinischen Examens geprüft wurde.

 

Im Jahre 1870 waren an der Rostocker Universität 158 Studenten ordnungsgemäß immatrikuliert. Davon waren 39 Studenten der Humanmedizin und drei Studenten der Zahnmedizin. Es wurden vier große klinische Fächer mit praktischen Kursen am Krankenbett der jeweiligen Kliniken gelehrt. Das waren die Innere Medizin durch Prof. Thierfelder, die Chirurgie durch Prof. König, die Ophthalmologie durch Prof. v. Zehender und die Gynäkologie durch Prof. Winkel. Zusätzlich gab es Vorlesungen in Physiologie, Anatomie und Pathologie. Im Laufe der folgenden 20 Jahre verstärkte sich die Studentenzahl auf 100 insgesamt und weitere, hauptsächlich theoretische Fächer wie embryologische Übungen oder physiologische Chemie oder Pharmakognosie kamen zum Studienangebot hinzu. Über Kehlkopf-, Nasen- und Ohrenkrankheiten wurde bis zum Sommersemester 1886 keine Ankündigung im Vorlesungsverzeichnis gefunden, weder als Bestandteil der Vorlesung der Inneren Medizin oder Chirurgie, noch als selbständige Vorlesung oder praktische Übung.

Die Entwicklung der Otolaryngologie in Praxis und Lehre vollzog sich in Rostock erst ab 1883 unter J. Christian Lemcke (1850–1894).

Literaturverzeichnis

 

(1) Baldewein, R.:

Die Rhinologie des Hippokrates. Dissertation an der Universität Rostock 1896.

Verlag J. F. Bergmann, Wiesbaden

 

(2) Blanck, A.; Wilhelmi, A.:

Die Mecklenburgischen Ärzte von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.

Herberger, Schwerin 1901, 2. Aufl.

 

(3) Brusis, T.; Luckhaupt, H.:

Zur Geschichte der Tracheotomie.

Laryng. Rhinol. Otol. 67, S. 251–254.1988

 

(4) Eicken, C. v.:

Der Werdegang der Oto-Rhino- Laryngologie.

Akademie-Verlag, Berlin 1951

 

(5) Eicken, C. v.:

Zur Geschichte der direkten Untersuchungsmethoden der oberen Luft- und Speisewege.

Akademie-Verlag, Berlin 1951

 

(6) Eulner, H. H.:

Die Entwicklung der medizinischen Spezialfächer an den Universitäten.

Ferdinand-Enke-Verlag, Stuttgart 1970

 

(7) Körner, O.:

Gutachten über die Notwendigkeit einer Prüfung der Ohrenheilkunde im ärztlichen Staatsexamen.

Adlers Erben, Rostock, September 1896

 

(8) Körner, O.:

Die Großherzogliche Universitätsklinik für Ohren- und Kehlkopfkranke zu Rostock.

Zeitschrift Ohrenheilkunde 36, S. 145–154. 1900

 

(9) Körner, O.:

Die Vertretung der Ohrenheilkunde an den Universitäten des Deutschen Reiches

in den Jahren 1878 und 1902.

Zeitschrift Ohrenheilkunde 41, S. 244–246. 1902

 

(10) Kramp, B.; Ehler, E.:

De angina. Bemerkungen zu einer Dissertation von Sigismund Stube aus dem Jahre 1626. Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock, Heft 45, S. 255–258. 1974

 

(11) Politzer, A.:

Geschichte der Ohrenheilkunde 2. Reprograf.

Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1913. 1967

 

(12) Pries, D.:

Die Entwicklung der Oto-Rhino-Laryngologie in Rostock von den Anfängen bis 1945.

ML-Belegarbeit, Universität Rostock 1984

 

(13) Rektor der Universität Rostock (Hrsg.):

Mögen viele Lehrmeinungen um die eine Wahrheit ringen.

Geschichte der Universität Rostock, S.178–212.

Konrad Reich Verlag, Rostock 1994

 

(14) Stube, S.:

De angina. Dissertation an der Universität Rostock 1626.

Übersetzung von Ehler, E. und Hille, M., 1969

 

(15) Tröltsch, A. v.:

Gesammelte Beiträge zur Pathologischen Anatomie des Ohres und zur Geschichte der Ohrenheilkunde. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1883

 

(16) Universitätsarchiv Rostock:

Vorlesungsverzeichnis 1840–1889

 

(17) Vosteen, K.-H.:

Die Entwicklung der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde im 19. Jahrhundert.

Aus: Akademische Lehrstätten und Lehrer der Oto-Rhino-Laryngologie

in Deutschland im 20. Jahrhundert.

Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie (Hrsg.),

Springer-Verlag Berlin–Heidelberg–New York, 1966