Die Nasalierungsmethode

Von Johannes Pahn und Elke Pahn

Teil III: Praktische Übungen der Singstimme


2.1      Ziel

2.2      Hinweise zur Durchführung


1        Einleitung

 

Die methodischen Grundlagen der Singstimmtherapie und Singstimmbildung sind in Teil I, Abschnitt 1.4.2 beschrieben. Wenn Singstimmbildung ohne vorbereitendes Training der Sprechstimme noch Erfolge bringen kann, gilt das nicht mehr für die Therapie einer gestörten Singstimme, sofern nicht jahrelange Bemühungen mit geringen Resultaten in Kauf genommen werden. Für den Therapeuten ist die Beherrschung der Sprechstimmtechnik, der Singstimmtechnik und Erfahrung in der Behandlung gestörter Sprechstimmen die Voraussetzung. Weiterhin gehören dazu musikalische Kenntnisse und Fertigkeiten im Klavierspiel. Insbesondere muss das Tonvorstellungsvermögen hinreichend entwickelt sein, um Melodien und Tonfolgen mittleren Schwierigkeitsgrades vom Blatt singen zu können. Diese Bedingungen werden bisher leider von keinem Curriculum eines in Betracht kommenden Ausbildungsganges erfüllt. Es fehlt immer wenigstens eine Seite dieses im Grunde gefragten Berufsbildes. Schließlich singen nicht nur Opern-, Konzert- und Musicalsänger. Vielmehr gehört Singen mit mehr oder weniger künstlerischem Anspruch zu einer ganzen Reihe von Berufen, denen im Falle einer Erkrankung schon Rechnung getragen werden sollte. Insofern wird Singstimmtherapie sicher für einige Zeit noch Sache eines kleinen, aber dafür hoch motivierten Personenkreises sein, der aus verschiedenen Berufsgruppen kommen kann und der durch Fortbildung die jeweiligen Ausbildungslücken schließen wird. Im Mittelpunkt dieser Bemühungen steht immer die Frage nach praktischen Übungen. Sie werden nachfolgend unter Konzentration auf die Drehpunkte der Methodik grafisch und in Ausschnitten in einer CD auch hörbar dargestellt. Die Symbole und Abkürzungen der Sprechstimmübungen behalten Gültigkeit, ergänzt durch solche für die Singstimme.

 

Die Wurzeln der Singstimmübungen liegen eindeutig in der Singstimmtherapie. Für die Singstimmbildung geben die Übungen damit eine solide Grundlage ab, die Störungen vermeiden lässt, die Ausbildungszeiten verkürzt und den Übergang vom Sprechen zum Singen spielerisch stufenlos gestaltet. Es handelt sich somit um eine Basis der Singstimmbildung, die alle Voraussetzungen des professionellen Singens erfüllt, aber auf die künstlerische Erarbeitung von Gesangsliteratur verzichtet. Diese bleibt dem Gesangspädagogen vorbehalten.

 

Unter dieser Beschränkung stellen die praktischen Übungen der Singstimme das instrumental-musikalische Gerüst für die Erarbeitung der zehn im methodischen Teil genannten Schwierigkeitsstufen dar.

 

Abschnitt 2 beinhaltet das erweiterte Stimmspielen als Übergang zur Singstimme ohne feste Tonhöhen und Noten.

 

Abschnitt 3 führt stehende Tonhöhen und damit auch Noten ein. Kurze Notenbeispiele sollen vom Therapeuten oder Gesangslehrer in gleicher Manier ergänzt werden, wobei die vorgegebene Schwierigkeit nicht überschritten werden darf.

 

Abschnitt 4 bringt kurze Beispiele für Einzel- und Gruppenübungen im Kanon, die sich mit Beispielen aus der Gesangsliteratur weiterführen lassen. Für die Singstimmbildung ergibt sich damit ein fließender Übergang zum Gesangsunterricht auf höherer künstlerischer Ebene. Dem professionellen Singen ohne künstlerischen Anspruch genügt das erzielte Niveau allerdings vollkommen.


2         Übergang von der Sprechstimme zur Singstimme

2.1      Ziel

 

Sobald die obere Aufhängemuskulatur des Kehlkopfes beim Sprechen keine hebende Wirkung mehr ausübt und Zwangsspannungen, insbesondere der Zunge, ausgeschaltet sind, kann mit der Übertragung dieser Technik auf die Singstimme begonnen werden. Die Schwierigkeit liegt im Vermeiden einer Aktivierung des vorhandenen Engramms für das Singen, welches nicht nur vor Beginn der Therapie, sondern auch vor Beginn einer Ausbildung bereits vorhanden und mit mehr oder weniger technischen Mängeln belastet ist. Die ersten Signale zur Auslösung der bedingt reflektorischen Vorgänge des Singens sind das Notenbild und stehendenTonhöhen. Sie lassen sich durch eine Übergangsstufe von der Sprech- zur Singstimme auf der Ebene des Stimmspielens vermeiden.

 

Im Stimmspielen wird der Sprechstimmumfang auf den größeren des Singens erweitert. Dazu muss das Randregister benutzt und trainiert werden, auch wenn sein Gebrauch in der sängerischen Praxis nicht vorgesehen ist. Das Vollregister erfährt zunächst keine Ausdehnung seiner Grenzen nach oben und unten. Vom Randregister gleitet die Stimme anfangs nur abwärts in das Vollregister, erst später umgekehrt aufwärts. Auf diese Weise bildet sich ein Mittelregister aus.

 

Innerhalb der Therapie gibt es Krankheitsbilder, bei denen eines der beiden Modalregister nicht verfügbar ist. Hier kann in der Regel phonochirurgisch die Vorbedingung für das fehlende Register geschaffen werden. Sehr hohe Frauenstimmen trainieren mit den Gleitbewegungen des Stimmspielens auch das Pfeifregister. Die Übungen beginnen mit dem indirekten Vokal nasaliert und führen über die Vorstufen der Artikulation bis zur perfekten Artikulation. Im Endergebnis müssen die Registerübergänge im Gleiten ohne hörbare Stufen und fühlbare Zwangsspannungen möglich sein.

 

Auf dieser Schwierigkeitsstufe lassen sich neben Stimmumfang und Register auch unterschiedliche Antriebsmodalitäten üben. Sie äußern sich in instrumentalen Spielarten mit besonderen Ansprüchen an die Beweglichkeit und Geschicklichkeit der Bauchdecke im Zusammenspiel mit der Glottisfunktion.

 

 

2.2      Hinweise zur Durchführung

 

Der Übergang auf der Ebene des Stimmspielens richtet sich nach den Prinzipien der Sprech- und Singstimmübung. Durch ständigen Wechsel der Übungen in den Registern wird die ökonomische Regulation des Vollregisters auf das Rand- und später auf das Mittelregister übertragen.

 

Anfangs werden höhere Bereiche des Randregisters vermieden, um im tieferen Bereich mit Nasalierung ein neues Engramm aufnehmen zu können. Erst nach gesicherter Ausschaltung der oberen Kehlkopfaufhängung im tieferen Bereich wird ohne Nasalierung der höhere und ggf. auch das Pfeifregister in die Übung einbezogen.

 

Die Vorstellbarkeit der Übungsaufgaben wird durch grafische Darstellung der Gleitbewegungen mit zwei Linien erleichtert, die Voll- und Randregister symbolisieren. Die grafischen Symbole der Sprechstimmübung bilden auch die Grundlage zur Bezeichnung von Spielarten der Singstimme (Abb. 34).